DE: 80 Jahre nach der Befreiung des Landes von der Nazi-Diktatur ist die Erinnerungskultur noch nicht frei. Sie ist, nicht nur in Kärnten, noch immer einseitig. Vor allem, weil sie den beschämenden Aspekt der Mitschuld an den Naziverbrechen vieler Österreicher:innen wenig thematisiert. Der Nationalsozialismus wird oft noch immer als ein Unglück dargestellt, das über das Land hereingebrochen ist. Eine Zeit, mit der man sich nicht mehr beschäftigen will.
SL: 80 let po osvoboditvi izpod nacionalsocialistične diktature še vedno manjka široka kultura spominjanja. Še vedno je enostranska, ne samo na Koroškem. Predvsem zato, ker premalo tematizira sramotne aspekte sokrivde mnogih Avstrijcev pri vojnih zločinih. Nacionalsocializem še vedno pojmujejo kot nesrečo, ki je doletela deželo. Čas, s katerim se nihče noče ukvarjati.

DE: Die Auseinandersetzung mit den furchtbaren Verbrechen, von denen viele noch nicht in der öffentlichen Erinnerung Platz gefunden haben, ist jedoch nach wie vor essentiell notwendig. Man muss der Frage näher kommen, welche Prozesse und Gegebenheiten dazu geführt haben, dass sich normale Menschen, an den beispiellosen Verbrechen beteiligt haben. Ein umfangreicheres Verständnis für die Ursachen der damaligen Entwicklung der Geschehnisse ist notwendig, um Demokratie gefährdende Tendenzen heute besser erkennen zu können.
SL: Še vedno pa je potrebno, da se spominjamo strašnih zločinov, ki javnosti niso še popolnoma znani. Vprašati se moramo, kako je bilo možno, da so čisto navadni ljudje sodelovali pri zločinih brez primere.
„Die Vergangenheit nicht zu kennen heißt, sich selbst nicht zu begreifen. Die Zeit ist reif. Wir wollen uns und unsere Geschichte verstehen.“ – Gstettner 2007 nach Gstettner 2012: 8
DE: Es gibt mittlerweile immer mehr Erinnerungsinitiativen in Kärnten. Sie beziehen ohne kollektive Schuldzuschreibungen Stellung und wollen erstarrte, polarisierende Überzeugungen in Frage stellen und damit etwas in Bewegung bringen. Sie werden aber immer wieder von Personen, die den Status quo des jahrzehntelangen Verschweigens bewahren wollen, als Unruhestifter verunglimpft. Im Erinnerungsjahr 2025 sehen manche die Gefahr des Aufflammens alter Konflikte. Oder wollen sie nur mit diesen Warnungen alte Feindbilder aufwärmen?
SL: Na Koroškem obstaja čedalje več iniciativ spominjanja. Zavzemajo stališče, brez da bi pripisovali kolektivno krivdo in postavljajo pod vprašaj otrpela prepričanja in prepričanja, ki polarizirajo. Vedno spet jih pa tisti, ki hočejo ohraniti status dolgoletnega zamolčevanja, žalijo kot povzročitelje nemirov. V letu 2025 se nekateri bojijo ponovitve starih konfliktov. Ali pa hočejo spet oživljati stare predsodke?

DE: Die aktuelle, oft beschworene Ruhe im Land, funktioniert, solange sich alle daran halten, die bestehende Geschichtsauffassung, in der nach wie vor der 10. Oktober im Mittelpunkt steht, nicht in Frage zu stellen. Friede ist nicht dasselbe wie Ruhe. Einem sozialen Frieden kommt man durch Gespräche und Begegnungen näher, in denen nichts mehr verschwiegen wird. Kärnten braucht eine Landesgeschichte, die so breit aufgestellt ist, dass sich alle hier lebenden Gruppen darin wiederfinden.
SL: Sedanji, tolikokrat omenjeni mir v deželi deluje samo tako dolgo, dokler se ne osporava 10. oktober kot središče zgodovinopisja. Mir ni isto kot počitek. Socialnemu miru se približamo s pogovori in srečavanjem, kjer se ničesar ne zamolči. Koroška potrebuje zgodovinopisje, ki je postavljeno na tako široke temelje, da dajejo prostor vsem tukaj živečim skupinam.
„Ich bin in einem Tal aufgewachsen, das die tatsächlichen Opfer des Nationalsozialismus vergessen hat. Gemerkt habe ich das aber erst spät, als ich wegen meines Studiums bereits einige Jahre in Wien lebte. Die Strategie im Tal war eine einfache: Schweigen. Schweigen um die Vergangenheit zu vergessen, schweigen um die Vergangenheit vielleicht ungeschehen zu machen. Schweigen um sich nicht zu erinnern. Schweigen um sich keiner Verantwortung bewusst zu werden, der man sich irgendwie längst bewusst ist. Das Schweigen ist der Beweis.“ – Bernhard Gitschtaler vom Verein Erinnern-Gailtal
Text: Silvia Jelinek
